Wiedergeburt einer Militärfabrik
Okt 7th, 2007 by Harald Maass

1957 bauten DDR-Ingenieure bei Peking die modernste Radiofabrik des Landes. Das einstigeSymbol der sozialistischen Freundschaft steht noch - heute haust in den 798-Fabriken Chinas Kunstszene. Zwei der damaligen Ost-Ingenieure kehrten jetzt erstmals zurück.
Als Hans Becker das letzte mal nach Peking flog, dauerte die Reise drei Tage. In Ostberlin startete er mit einer Ilyushin 14 in Richtung Vilnius und dann nach Moskau, über ein halbes Dutzend Stationen ging es weiter nach Irkutsk, von dort nach Ulan Bator und schließlich nach China. Es war das Jahr 1956. Zusammen mit 150 anderen DDR-Ingenieuren und Facharbeitern sollte Becker in der noch jungen chinesischen Volksrepublik eine Fabrik für Radiotechnik aufbauen. Als der damals 28jährige vom Pekinger Flughafen in die Stadt fuhr, zogen Kamelkarawanen und Eselkarren vorbei.
Das Pekinger Kempinski Hotel im Jahr 2007. Becker trägt ein Jackett über dem weißen Hemd und trinkt Mineralwasser. Nach einem halben Jahrhundert ist er zum ersten Mal wieder in Peking. Neben ihm sitzt sein ehemaliger Arbeitskollege Peter Dobras. Die beiden rüstigen Männer, 79 und 80 Jahre alt, sind am Morgen am Flughafen angekommen. Die Fabrik, die sie einst bei Peking mit aufbauten, feiert 50-Jähriges Jubiläum und Becker und Dobras sind als Ehrengäste geladen. Doch diesmal sind sie nicht als technische Experten in China, sondern als Teil eines Kunstfestes.Denn die 798-Fabrik, die Becker und Dobras einst mit aufbauten, ist heute das Zentrum der Pekinger Kunstszene. Wo früher Funkradios für das chinesische Militär gebaut wurden, toben sich heute Maler und Avantgardekünstler aus. Künstlerateliers, Galerien, Buchländen und Cafes hausen in Backsteinhallen mit Sägezahndächern, die einst nach deutschen Plänen errichtet wurden. Internationale Galeristen wie Urs Meile aus Luzern und Alexander Ochs aus Berlin stellen dort aus. Der frühere Kanzler Gerhard Schröder war hier zu Besuch. Die 798-Fabrik ist das Soho Chinas.
“Das erste, was wir damals von den Chinesen als Ausrüstung bekamen, waren eine Fliegenklatsche, ein Mundschutz und ein Spucknapf”, erzählt Dobras. Wie Becker war er von seiner Fabrik, der VEB Keramische Werke Hermsdorf im heutigen Thüringen, nach China entstand worden. “Unser Gehalt lief damals in Deutschland weiter und in China bekamen wir eine Tagespauschale”, sagt Becker. Ein Jahr, 1956 bis 1957, lebten die Ostdeutschen in dem damals noch exotischen Peking, in dem kaum ein Bewohner je einen Ausländer gesehen hatte. Dobras wohnte zusammen mit sowjetischen und anderen Ostblock-Experten im Freundschaftshotel, einer riesigen parkähnlichen Anlage nahe der Universitäten, die es heute noch gibt. Becker nahm Unterkunft im Peking-Hotel neben dem Kaiserpalast. “Am Abend konnte man da manchmal mit einem Russen Billard spielen und ein Bier trinken.”
Der Aufbau der Fabrik 718, wie sie damals noch hieß, war ein Vorzeigeprojekt der Pekinger Kommunisten. China hatte sich gerade von den Wirren des Bürgerkriegs erholt. Ein Großteil der Elite des Landes - Ärzte, Ingenieure, Techniker und Unternehmer - waren mit den Nationalchinesen nach Taiwan oder in die britische Kolonie Hongkong geflüchtet. Der Fabrikbau am Stadtrand von Peking hatte deshalb höchste Priorität und wurde im ersten Fünfjahresplan der VR China festgeschrieben.
Die technische Hilfe kam aus Moskau und Ostberlin - bezahlt in harten Schweizer Franken. “Die Chinesen waren fleißig und die Zusammenarbeit klappte sehr gut”, erzählt Becker.
Fünf Tage die Woche fuhren die DDR-Ingenieure in die Fabrik am Stadtrand, wo Keramikspulen und andere damals als Hightechteile geltende Bauteile hergestellt werden sollten. Den Rest der Zeit erkundeten sie Land und Leute. In alten amerikanischen Limousinen fuhren die jungen Männer zur Großen Mauer, die damals noch eine menschenleere Ruine war. “Die Chinesen trugen alle blaue Anzüge, auch die Frauen”, erinnert sich Dobras. Alle paar Wochen gab es für die ausländischen Gäste Tanzveranstaltungen, zu denen die chinesischen Kader auch junge Chinesinnen mitbrachten. Doch Romanzen mit den Fremden waren unerwünscht. “Wenn ein Mann öfter mit der gleichen Dame tanzte, dann passten die Chinesen sehr genau auf und suchten ihr einen neuen Tanzpartner”, erinnert sich Becker.
Im Sommer 1957 war die Fabrik fertig. Generalsekretär Walter Ulbricht reiste zur Eröffnung nach China. Für die Ostexperten gab es ein Galaessen, an dem auch der chinesische Premier Zhou Enlai teilnahm. “Er kam an jeden Tisch um mit uns anzustoßen”, erzählt Becker. Bis zu 20.000 Arbeiter waren später in den Fabriken beschäftigt, um hochempfindliche Radioanlagen zu bauen. Sie hatten die mondersten Wohnhäuser Pekings. Es gab eine eigene Schule, ein Krankenhaus und werkseigene Volleyball- und Fußballmannschaften. Die Ziffer 7 im Namen bedeutete, dass es sich um eine Militärfabrik handelte. Eine Schutztruppe aus mehreren Hundert Soldaten bewachte das Gelände, auf dem Flakartillerien aufgebaut waren.
Der Rest ist Geschichte. In den Wirren der Kulturrevolution stockte die Produktion. 1976 stirbt Mao und der Reformpolitiker Deng Xiaoping ruft den Chinesen die neue Losung zu: “Reich werden ist ehrenhaft!” Die Volksrepublik öffnete sich, der Wirtschaftsaufschwung begann. Für die Radios der 798-Fabrik interessierte sich niemand mehr. 2002 mieteten sich die ersten Künstler in die Hallen ein. “Mensch, schau mal! Das ist noch die gleiche Pumpe, die wir damals eingebaut haben”, sagt Dobras und zeigt Becker das Foto einer Halle, in der heute eine Galerie. Für die Künstler sind die ehemaligen DDR-Maschinen und Bauten Teil der Kulisse, eine Art riesige Installation. “VEB-Bohrmaschinenfabrik Engelsdorf” heißt es auf einer Maschine. An der Wand steht in roten, verwitterten Schriftzeichen ein Slogan aus der Kulturrevolution: “Mao lesen, Mao gehorchen, Mao gefallen!”.
Gleich nach ihrer Ankunft machten Becker und Dobras eine Stadtbesichtigung. Peking, das in den fünfziger Jahren die Anmutung einer Kleinstadt hatte, ist heute ein Moloch mit 17 Millionen Einwohnern. Ein brummendes Wirrwarr aus Hochhäusern, Shopping-Malls und Schnellstraßen. “Diese gewaltige Ausdehnung, das ist… ausgeschlossen” Hans Becker kann den Satz nicht zu Ende sagen, mit dem er die Veränderungen in der Stadt beschreiben will. Dobras erzählt von dem alten staatlichen Kaufhaus, das sie kaum wiedererkannt hätten. In der Erinnerung der beide Männer ist als alte Peking sehr viel näher. “Ein halbes Jahrhundert”, sagt Hans Becker, “das ist wie ein Hauch.”
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