Das Dalai Lama-Tabu
Okt 18th, 2007 by Harald Maass
Wien, Berlin, Washington - der Dalai Lama ist plötzlich ein gerne gesehener Gast in den Hauptstädten des Westens. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen wächst der Druck auf Peking, einen Dialog mit dem Oberhaupt der Tibeter aufzunehmen.
Für die einen ist Tenzin Gyatso, besser bekannt als der Dalai Lama, einer der großen Religionsführer dieser Erde. Wenn der heute 72-Jährige auftritt, geht es zu wie bei Volksfesten. Für seinen gewaltlosen Einsatz für die Tibeter wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wahrscheinlich gibt es auf der Welt keinen friedlicheren Aktivisten. Der Dalai Lama gibt sich stets als bescheidener Mönch, wird nie laut und lächelt meistens.
Doch genau das macht ihn für Pekings Führung, die in Tibet einen „untrennbaren Teil des chinesischen Mutterlandes“ sieht, so gefährlich. In Chinas Augen ist der Dalai Lama ein Separatist. Seit Wochen attackieren die Staatsmedien den im indischen Exil lebenden Gottkönig mit wüsten Beschimpfungen. Ein „Lügner“ sei der Dalai Lama; einer, der die „teuflischen Kulte“ fördert, schreiben die Staatsblätter.
Die Propagandatiraden sind Reaktion auf die jüngsten politischen Erfolge der Exiltibeter. Vergangenen Monat war der Dalai Lama in Berlin und Wien offiziell empfangen worden. Kanzlerin Angela Merkel lud den Gottkönig in ihr Kanzleramt. Diese Woche dann ein weiterer Rückschlag für die chinesische Diplomatie: Nach einem Treffen mit US-Präsident George W. Bush im Weißen Haus am Dienstag wurde der Dalai Lama gestern mit der Goldmedaille des US- Kongresses ausgezeichnet.
Peking sieht darin einen gefährlichen Trend. Je mehr westliche Regierungen den Dalai Lama offiziell empfangen, desto größer wird der politische Druck auf Peking, einen Dialog mit dem Exilführer zu beginnen. Um das zu verhindern, verfolgte China bislang eine Politik, die man als das Dalai-Lama-Tabu bezeichnen könnte. Ausländische Regierungen dürfen keine offiziellen Beziehungen zum Dalai Lama oder der tibetischen Exilregierung unterhalten. Wenn ein Land dagegen verstößt, reagiert Peking mit scharfem Protest und Drohungen. So auch jetzt: China kündigte den Menschenrechtsdialog mit Deutschland auf, sagte ein Arbeitstreffen zum Iran-Konflikt ab und drohte der US-Regierung weitere „ernsthafte Konsequenzen“ an. Bislang war diese Politik aus Chinas Sicht erfolgreich. Der Dalai Lama wurde in den vergangenen Jahren nur sporadisch von Regierungschefs und Staatsoberhäuptern empfangen. In der Tibetfrage hatte der Dalai Lama zwar die moralische Hoheit, politisch konnte er der aufsteigenden Großmacht China jedoch nichts entgegensetzen.
Pekings Kalkül ist, dass sich das Tibetproblem bald von allein löst. Das Himalaya-Hochland ist seit einem halben Jahrhundert fest in der Hand Pekings, ohne dass sich die sechs Millionen Tibeter dagegen wehren können. Der Dalai Lama, das wichtigste Symbol der Tibeter für ihre Selbstbestimmung, wird in ein paar Jahren sterben. Und mit ihm vermutlich die Hoffnung der Menschen auf Unabhängigkeit.
Allerdings scheint Pekings Tabu-Politik brüchig zu werden. Nach Bush und Merkel werden demnächst vermutlich noch andere Regierungen den Dalai Lama empfangen. Chinas Führer werden sich schwer tun, das zu verhindern. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen können und wollen sie sich keine ernsthafte Konfrontation mit dem Westen erlauben. Die kommenden Monate könnten für den Dalai Lama und die Exiltibeter deshalb die letzte Chance sein, Peking an den Verhandlungstisch zu ziehen.
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