Schmutziger Boom
Nov 1st, 2007 by Harald Maass
Lange versuchte China die negativen Folgen des Wirtschaftsbooms zu vertuschen. Berichte über die Umweltzerstörung wurden geschönt, Statistiken unter Verschluss gehalten. Jetzt hat Pekings Regierung erstmals Auszüge aus einer Studie veröffentlicht. Das Ergebnis: Chinas schmutziges Wachstum macht die Menschen krank, vor allem Kinder.
Die Zahl der Fehlbildungen bei Neugeborenen sei in den vergangenen fünf Jahren rasant gestiegen, warnte der Vize-Direktor der Nationalen Familienplanungsbehörde, Jiang Fan, diese Woche. “Alle 30 Sekunden kommt in China ein Baby mit einem Geburtsdefekt zur Welt.” Nach seinen Angaben habe sich die Zahl der Fehlbildungen pro 10 000 Neugeborenen zwischen 2001 und 2006 von 104,9 auf 145,5 erhöht - ein Zuwachs von fast 40 Prozent.
Insgesamt hätten vier bis sechs Prozent der chinesischen Kinder Fehlbildungen, das ist rund doppelt so viel wie in den USA. “In zehn Prozent aller chinesischen Familien wird ein Kind mit einem Geburtsdefekt geboren”, sagte Jiang.
Zwar sehen Experten einen Grund für den Anstieg in der mangelnden Schwangerschaftsvoruntersuchung, vor allem auf dem Land. Doch noch größer sei die Schädigung durch Smog und Umweltschäden, sagte Professor Wu Chaoqun, Genetik-Experte an der Fundan Universität der South China Morning Post. So hätten die Untersuchungen gezeigt, dass in den Kohlegebieten der Provinz Shanxi, wo Luft und Wasser besonders belastet sind, die Zahl der Missbildungen deutlich höher ist.
Chinas Städte gehören zu den dreckigsten der Welt. Nur ein Prozent der 560 Millionen Stadtbewohner atmen nach europäischen Standard saubere Luft. Viele Orte sind so verpestet, dass die Menschen sich nur mit Mundschutz aus dem Haus wagen. In Peking rufen die Behörden an Smogtagen Kinder und Alte dazu auf, die Wohnungen nicht zu verlassen. Zwei Drittel der Flüsse sind vergiftet.
Das Ausmaß der Umweltzerstörung wird auch von der Regierung nicht mehr abgestritten. Chinas Staatsmedien berichten über Umweltprobleme. Was sie jedoch verschweigen müssen, sind die Auswirkungen auf die Menschen. Chinas Behörden veröffentlichen bis heute keine Statistiken über Lungenkrankheiten oder andere Umweltkrankheiten bei Kindern.
Dabei ist die Lage verheerend. Ausländische Experten berichten hinter vorgehaltener Hand von kompletten Klinikstationen, in denen Jungen und Mädchen wegen Lungenkrankheiten behandelt werden. Vermutlich sterben jedes Jahr Tausende chinesische Kinder an den Umweltfolgen.
Die Umweltzerstörung ist für Pekings Regierung ein politisch sensibles Thema. In einigen Provinzen kam es bereits zu gewaltsamen Protesten gegen Industriefabriken. Chinas KP legitimierte bislang ihre Macht mit dem Wirtschaftsaufschwung. Wenn die wirklichen Kosten des Booms bekannt werden, könnte dies die Regierung in Bedrängnis bringen.
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