Hüa, elektrisches Pferd
Nov 7th, 2007 by Harald Maass
Die Chinesen entdecken das Fahrrad wieder - jetzt hat es einen leisen Motor.
Der morgendliche Weg zur Arbeit ist für viele Pekinger ein Graus. U-Bahnen und Busse in der 17-Millionen-Menschen Metropole sind ständig überfüllt. Auf den Straßen ist der Autoverkehr so dicht, dass es meist nur im Schritttempo vorwärtsgeht. Um dem täglichen Verkehrschaos zu entkommen, steigen viele Chinesen deshalb wieder aufs Fahrrad - allerdings haben die Zweiräder heute elektrische Motoren.
“Dian Ma” werden sie in China genannt - elektrisches Pferd. 400 000 dieser E-Fahrräder waren vergangenes Jahr auf Pekings Straßen unterwegs. Angetrieben von einem leise summenden Elektromotor sausen sie an dengestauten Autos vorbei. Die Energie kommt aus einer Batterie, die etwa so groß ist wie ein kleiner Staubsauger. Nachts lädt man sie an der Steckdose auf.
“Morgens bin ich damit schneller unterwegs als die Autos”, sagt die Verkäuferin Zhou. 1800 Yuan, umgerechnet 180 Euro, hat sie für das gelbe elektrische Fahrrad der Marke “Kleine fliegende Taube” bezahlt. Etwa 30 Stundenkilometer schnell sei sie damit. “Wenn die Batterie schwach wird, trete ich ein bisschen dazu”, sagt Zhou.
Diese Art Elektrofahrrad ist eine chinesische Erfindung. Ende der 90er Jahre, als nur wenige Stadtbewohner sich ein Auto leisten konnten, tauchten die ersten Modelle auf den Straßen auf. Heute sind sie eines der populärsten Verkehrsmittel für Stadtchinesen. Vergangenes Jahr
wurden in China 19 Millionen Elektrofahrräder produziert. Dieses Jahr soll es ein Drittel mehr werden. Landesweit gibt es mehr als 100 Hersteller, die größten sind “Hongdu” (Große Stadt) in der Provinz Jiangsu und “Xin Ri” (Neue Sonne) in Peking.
Bis vor wenigen Jahren war China ein Land der Fahrräder. Auf den breiten Pekinger Alleen sah man morgens Tausende Radfahrer im gemütlichen Tempo dahinrollen. Mit der wirtschaftlichen Öffnung begann jedoch der Autoboom. Auf Pekings Straßen gibt es heute mehr als drei Millionen Autos. Jeden Tag werden 1000 neue Personenkraftwagen angemeldet.
Die Elektrofahrräder könnten die Lösung für Chinas Verkehrsprobleme sein. Doch obwohl sie weder Abgas ausstoßen noch Lärm machen, sind sie umweltpolitisch umstritten. Ein Problem sind die Batterien: Für die Herstellung einer herkömmlichen 48-Volt-Fahrradbatterie, die etwa ein Jahr hält, werden durchschnittlich zehn Kilogramm Blei verbraucht - in der Summe ist das eine riesige Menge. Verbrauchte Batterien werden zudem oft unsachgemäß weggeworfen und belasten die Umwelt.
Weil die Elektrofahrräder immer schneller werden, nehmen auch die Unfälle zu. “Wu Sheng Malu Shashou” nennen Chinas Medien die Räder: lautlose Killer der Straße. Im Gegensatz zu Motorrädern und Autos können Fußgänger die Elektrofahrräder kaum hören, und werden deshalb beim Überqueren der Straße überrascht - und angefahren. Manche
Elektrofahrräder sind frisiert; mit stärkeren Batterien erreichen sie Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h. Um Strom zu sparen, fahren viele nachts ohne Licht.
In der Küstenstadt Hangzhou, wo rund 600 000 Elektrofahrräder unterwegs sind, starben vergangenes Jahr 63 Menschen bei Unfällen. Die Stadtregierung dort will die Zahl der E-Fahrräder deshalb beschränken und ein Tempolimit durchsetzten. In der südlichen Großstadt Guangzhou (Kanton) sind Elektrofahrräder seit vergangenem Jahr ganz verboten.
Für Frau Zhou, die in einem Block außerhalb der fünften Ringstraße wohnt, ist das Elektrorad sowieso eine Übergangslösung. “Im Winter friert man erbärmlich, bei Regen wird man nass”, klagt sie. Sobald sie es sich leisten kann, will sie sich ein Auto kaufen.
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