Wenn der Sohn ein “Genosse” ist
Nov 12th, 2007 by Harald Maass
Homosexualität ist in China noch immer ein Tabu. Viele Schwule flüchten in eine Scheinheirat.
Es war an einem Abend im Dezember, ein kalter Wind pfiff durch die nordchinesische Industriestadt Dalian, als Sun Dehua seinen Sohn in die Luft sprengen wollte. Sun, ein Taxifahrer, stand auf dem Bürgersteig vor der Bar, die seinem Sohn gehörte. Er hatte zwei Kanister Benzin im Keller des Gebäudes versteckt. Das Dynamit, das er eigentlich auch zünden wollte, hatte er zuhause vergessen. Innerlich aufgewühlt stand Sun in der Dunkelheit, hörte die Musik aus der Bar. Er hatte erfahren, dass sein einziger Sohn schwul ist. Deshalb wollte er ihn in die Luft sprengen.
Fünf Jahre später. Ein Büro im fünften Stock eines heruntergekommenen Wohnblocks. Auf einem Holztisch hinter dem Eingang liegen Faltblätter, die erklären, wie man Kondome benutzt. An der Wand hängt ein Muskelmann als Pin-Up. Das Büro gehört der “Caihong Gongzuozu” - “Arbeitsgruppe Regenbogen”, der ersten privaten Schwulengruppe von Dalian. Sun Dehua sitzt vor einem Schreibtisch, beantwortet Anrufe. Der schlanke 60jährige trägt eine Weste über dem weinroten Hemd. Die grau-schwarzen Haare sind kurz geschnitten. “Ich konnte es dann doch nicht”, sagt er über den Abend vor fünf Jahren. Statt die Bar und seinen Sohn in die Luft zu sprengen, ging Sun nach Hause. Er begann Bücher über Homosexualität zu lesen, sprach mit Freunden, Ärzten und irgendwann auch seinem Sohn selbst.
“Ich habe akzeptiert, dass er lieber Männer als Frauen mag. Das war nicht einfach”, erzählt Sun. Seine Frau tue sich noch immer schwerer damit. Bis vor kurzem habe sie, wie in China üblich, dem Sohn junge Frauen vorgestellt. In der Hoffnung, dass er doch noch heiraten würde. “Für viele Eltern ist die Vorstellung unmöglich, dass ihr Sohn keine Nachfahren in die Welt setzten wird”, sagt Sun. Nachdem er sich mit seinem Sohn ausgesöhnt hatte, begann Sun seine Erfahrung weiterzugeben. Er trat bei Schwulenveranstaltungen in Peking und anderen Städten auf. Familien riefen bei ihm an, um nach Rat zu fragen. Heute betreibt Sun die erste und einzige Telefonhilfe in China für die Eltern von Schwulen.
“Ich verstehe, wie diese Eltern fühlen”, sagt Sun. Er selbst habe vor allem Wut empfunden, als er von der Homosexualität seines Sohnes erfuhr. Sun hatte damals abends nach dem Taxifahren in der Bar des Sohnes mitgearbeitet, die damals Treffpunkt der schwulen Szene von Dalian war. Doch Sun wusste das nicht. “Ich hatte mich gewundert, dass dort so viel Männer und einige merkwürdig gekleidet waren.” Irgendwann erzählte ihm ein Gast oder Mitarbeiter, dass sein Sohn schwul ist. Sun war wie vor den Kopf geschlagen. “Ich hatte nur einen Gedanken: Diese unnatürlichen Leute haben meinen Sohn verführt.” In seiner Wut kaufte er Dynamit und Benzin, um die Bar in die Luft zu sprengen. Heute rät er Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind, mit dem Sohn oder der Tochter zu sprechen. “Ich sage ihnen: Homosexualität ist keine Krankheit.”
Zu Maos Zeiten, als man in der Volksrepublik noch einen neuen Menschen erschaffen wollte, war in Chinas Gesellschaft für Homosexualität kein Platz. Gleichgeschlechtliche Sexualkontakte galten als Straftat, die als “Rowdytum” verfolgt wurde. Erst 2001 strich Chinas Psychiatrieverband Homosexualität von der offiziellen Liste der Geisteskrankheiten. Bis dahin hatte man Schwule und Lesben einfach in Anstalten eingesperrt. Mit Chinas Öffnung entspannte sich die Situation. In Dalian wie in den meisten größeren Städten gibt es heute Bars, in denen sich Schwule und Lesben treffen. Andere verabreden sich über Internetforen. Doch trotz der staatlichen Duldung ist Homosexualität noch immer ein Tabu. In der Szene spricht man sich nur mit Codewörtern an. Schwule nennen sich “Tongzhi” - “Genosse”. Lesben sind “lala”. Doch fast niemand bekennt sich öffentlich zur Homosexualität.
“Das größte Problem sind die Eltern und die Familie”, sagt Sun Xiuzhu, der Sohn von Sun Dehua. Der 33jährige arbeitet als Journalist bei der lokalen Zeitung und leitet ehrenamtlich die “Arbeitsgruppe Regenbogen”. Er trägt einen rosa-weißen Pullover über der Jeans. Sein Gesicht hat die gleichen schmalen Züge wie sein Vater. “In China redet man mit den Eltern nicht über Sex. Und noch unmöglicher ist es, den Eltern zu sagen, dass man schwul ist”, sagt der junge Sun. Die meisten Chinesen verheimlichen deshalb ihre Neigung und führen ein Doppelleben. Doch der Druck der Familien sei groß, sagt Sun Xiuzhu. “Ab einem bestimmten Alter wird erwartet, dass man heiratet und Kinder zeugt.” Viele geben irgendwann nach, und willigen einer arrangierten Hochzeit zu. Oder sie organisieren selbst eine Scheinehe. In Internetforen verabreden sich neuerdings Schwule und Lesben, um auf dem Papier eine Ehe einzugehen. “Hier ist mein Plan”, schrieb vor Kurzem ein schwuler Mann aus Peking im Webforum. “Nach außen treten wir als Mann und Frau auf, und sonst sind wir nur gute Freunde.”
Auch Sun Xiuzhu hat den Druck der Familie und der Gesellschaft erlebt. Als er in der Pubertät seine Gefühle für Männer entdeckte, wusste er nicht, was Homosexualität ist. In der Schule hatte er gelernt, Schwule seien “bu zheng chang” - “nicht normal”. Verwirrt über seine Gefühle meldete sich Sun mit 18 zur Armee. “Ich dachte, dort wird ein normaler Mann aus mir”, sagt er. Stattdessen verliebte er sich in einen Soldaten. Weil er seine Gefühle nicht zeigen konnte, brach er psychisch zusammen und kam in ein Militärkrankenhaus. Ein Armeearzt riet ihm damals: “Studiere fleißig Marxismus-Leninismus und Maoismus, dann kannst du das Schwulsein überwinden.” Sun Xiuzhu verließ die Armee. Erst Jahre später, als die erstes seriösen Bücher über Homosexualität auf den Markt kam, lernte Sun sich und seine Gefühle zu akzeptieren. Mit seinen Eltern zu sprechen, traute er sich nicht.
“Die jungen Schwulen haben es heute leichter”, sagt Sun. Statt sich wie früher heimlich in Parks zu treffen, können junge Männer in Bars und über das Internet Partner kennen lernen. Die Szene in Dalian wird bunter. Der Lehrer Bu Jin - ein lustiger, rundlicher Typ - zieht am Wochenende als Krankenschwester verkleidet durch die einschlägigen Kneipen, um Kondome zu verteilen und Sketche über Aidsverhütung aufzuführen. “Helen” nennt er seine Kunstfigur, für sich der 25jährige eine weiße Haube aufsetzt und Nylon-Stockings anzieht. “So lange ich jung bin, will ich Spaß haben”, sagt Bu, der seine Auftritte für die “Arbeitsgruppe Regenbogen” macht. Seine Familie weiß nicht, dass er schwul ist. “Noch lassen sie mich in Ruhe und reden nicht vom Heiraten.”
Sun Xiuzhu geht nur selten in Kneipen. Er hat sein zehn Jahren einen festen Freund, mit dem er auch zusammen wohnt. An diesem Abend trifft er seine Eltern in einem Restaurant zum Essen. Scharfe Glasnudeln und gedämpfte Maultaschen werden aufgetragen. “Ich bin froh, dass wir uns heute so gut verstehen”, sagt Vater Sun. Man merkt, dass die beiden Männer ein gutes Verhältnis haben. Die Mutter sitzt still am Tisch. “Für sie ist es noch immer schwer”, sagt der Vater. Draußen weht ein kühler Wind durch die Straßen.
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