Peking dreht dem Boom den Geldhahn ab
Nov 21st, 2007 by Harald Maass
Mit Kreditkontrollen versucht Chinas Regierung die überhitze Wirtschaft abzukühlen. Doch die Gefahr einer harten Landung wächst.
Um die boomende Wirtschaft abzukühlen, zieht China nun die Notbremse. In den vergangenen Wochen wurden ausländische und chinesische Banken angewiesen, ihre Kreditvergabe zu drosseln. Die Chinesische Bankaufsichtskommission (CBRC) habe einigen Geldhäusern zur Auflage gemacht, ihr Kreditvolumen für das Gesamtjahr auf dem Stand von Oktober einzufrieren, berichtete das “Wall Street Journal”. Andere Banken seien aufgefordert worden, das Kreditwachstum für 2007 auf 15 Prozent zu begrenzen.
Die Regierung wolle vor allem die Investitionsgeschwindigkeit im überhitzen Immobilienmarkt und in umweltverschmutzenden Industrien drosseln, meldete die “South China Morning Post”. “Seit Anfang November haben die meisten Bank und sogar einige ländliche Agrargenossenschaften ihre Kreditvergabe gestoppt”, sagte der Manager einer Firma für Tierfutter. Einige Geldhäuser hätten erklärt, dass sie erst im März kommenden Jahres wieder Gelder verleihen dürften.
Peking versucht der galoppierenden Wirtschaft den Geldhahn abzudrehen. Dieses Jahr verzeichnete die Volksrepublik zum fünften Mal in Folge zweistellige Wachstumsraten. In den ersten neun Monaten 2007 wuchs die Wirtschaft offiziell um 11,5 Prozent. Manche Beobachter sehen das wirkliche Wachstum sogar noch höher. Die Geschwindigkeit des Booms ist selbst für ein Schwellenland wie China kaum zu verkraften. Im Oktober stieg die Inflation auf 6,5 Prozent - die höchste Preissteigerung seit elf Jahren. Am Aktien- und Immobilienmarkt haben sich Spekulationsblasen gebildet.
Auch in den beiden Vorjahren hatte Peking gegen Jahresende die Kreditvergabe durch Banken gedrosselt. Diesmal treten die Beschränkungen jedoch früher in Kraft und sind schärfer. “Das Kreditwachstum ist maßlos schnell gewachsen und die Regierung muss etwas unternehmen”, sagt Chen Xingdong, Ökonom bei der französischen BNP Paribas. Chinas Banken haben in den ersten zehn Monaten 3,5 Billionen Yuan (rund 350 Milliarden Euro) an Krediten vergeben und damit das Gesamtvolumen des Vorjahres von 3,18 Billionen übertroffen. Viele der Gelder fließen in Immobilienprojekte, Industrieparks und Fabriken und führen nach Ansicht von Beobachtern zu Überkapazitäten.
Formal hat die CBRC nicht die Befugnis, die Kreditvergabe von kommerziellen Banken zu beschränken. Doch in China, wo große Teile der Wirtschaft vom Staat gelenkt werden, sind die Banken auf das Wohlwollen der Regierung angewiesen. “Solche Dinge werden mit einem Anruf geregelt. Niemand kann es sich leisten, das zu ignorieren”, sagt der Chefrepräsentant einer deutschen Großbank. Einem Bericht der “Financial Times” zufolge soll einigen Geldhäusern mit wirtschaftlichen Nachteilen gedroht worden sein, falls sie sich ihre Quote übertreffen sollten. Ein Sprecher der CBRC bestritt dies und erklärte, die Behörde habe den Banken lediglich eine “informale Leitlinie” vorgegeben.
Für Pekings Regierung wird es immer schwieriger, die überhitze Wirtschaft abzukühlen. Vergangene Woche kündigte die Zentralbank zum neuen Mal in Folge eine Erhöhung der Sicherheitsreserven bei Banken an - auf 13,5 Prozent des Kreditvolumens. Zentralbankchef Zhou Xiaochuan warnte im Oktober vor der Gefahr einer Überhitzung der Wirtschaft.
Chinas scheinbar grenzenloser Aufschwung könnte in einer harten Landung enden. In den vergangene beiden Jahren hat sich der Shanghaier Aktienindex vervierfacht. Trotzdem investieren immer mehr Chinesen ihre Ersparnisse. Jeden Monat werden fünf Millionen neue Aktiendepots eröffnet. Nach Berechnung der Hongkonger HSBC sind die Makler- und Stempelgebühren bereits höher als die tatsächlichen Gewinne der am chinesischen Aktienmarkt gehandelten Firmen.
Ähnlich irrational entwickelt sich der Immobilienmarkt, wo die Preise immer neue Rekorde jagen. Vergeblich versucht die Regierung, den Bauboom durch bürokratische Hürden zu bremsen. So können Wohnungskäufer ihre Immobilien erst nach einer Wartefrist weiterverkaufen. Ausländer dürfen nur noch eine Immobilie erwerben.
Die größte Sorge der Regierung ist jedoch die Inflation, vor allem bei Lebensmittelpreisen, die für Unruhe im Volk sorgen. Gemüse ist 30 Prozent teurer als im Vorjahr, Speiseöl stieg um 34 Prozent und Schweinfleisch um 55 Prozent. Pekings KP-Mächtige sind so besorgt, dass den Staatsmedien per Zensuranweisung verboten wurde, über die Preissteigerungen zu berichten. Inflation war einer der Auslöser der Massenproteste von Studenten und Angestellten, die 1989 im Militärmassaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens endeten.
Kommentieren:
Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.