Der Riese aus Chifeng
Nov 26th, 2007 by Harald Maass
Früher versteckte sich Bao Xishun als Hirte in der Inneren Mongolei vor der Welt. Er schämte sich für seine langen Beine und Arme. Dann wurde der Chinese als größter Mann der Welt entdeckt.
Das Aufstehen fällt ihm sichtlich schwer. Bao Xishun sitzt auf dem Hotelbett in Peking und zieht den Krückstock zu sich heran. Was dann kommt, erinnert an eine neugeborene Giraffe, die ihre ersten Gehversuche macht: Mit den Händen schiebt Bao seine langen Beine gerade, stützt sich auf den Gehstock, schwankt kurz und steht dann plötzlich wie ein gebeugter Riese im Raum, den Kopf unter der hohen Zimmerdecke geduckt. Bao lächelt verlegen. Der 56jährige aus der Inneren Mongolei ist nicht nur groß, er ist riesig. 2,36 Meter misst sein Körper. Bis vor kurzem war er damit der größte Mann der Welt.
“Früher habe ich mich für meinen Körper geschämt”, sagt Bao. Er hat eine leise, fast schüchterne Stimme. Während des Gesprächs schaut er immer wieder zu seiner Frau, Xia Shujuan, die das Hotelzimmer aufräumt. Als die beiden im Sommer heirateten, ging die Nachricht um die Welt: Größter Mann der Welt verheiratet, meldeten die Zeitungen und druckten dazu ein Foto von dem ungleichen Paar. Xia ist 1,68 Meter - für Chinesinnen eine durchschnittliche Größe - und reicht ihrem Mann doch nur bis zum Bauch.
Ein Leben als Riese ist nicht einfach. “Ich habe Schuhgröße 56. Solche Schuhe gibt es in China nicht”, sagt Bao. Die weißen Sportschuhe, die er trägt, sind das Geschenk einer deutschen Spezialfirma. Auch das Reisen sei schwierig. Das Pekinger Hotel, in dem das Paar übernachtet, hat drei Betten zusammenschieben müssen, damit Bao Platz hat. “Im Flugzeug brauche ich manchmal drei Sitze.” Das Schlimmste seien jedoch das Autofahren. Weil die normalen Taxis viel zu klein sind, muss Bao meistens mit Minibussen gefahren werden. Hat seine Größe auch Vorteile? Bao überlegt und sagt: “Wenn die Birne in der Deckenlampe kaputt ist, kann ich sie ohne Leiter wechseln.”
Schon als Kind sei er größer als alle anderen gewesen, sagt Bao. “In der Grundschule spielte ich mit den Lehrern Basketball.” Die Eltern wundern sich über das große Kind, doch zu einem Arzt schickt ihn niemand. Stattdessen wächst Bao zu einem Außenseiter heran. Weil die Familie arm ist, muss er als Kind Schafe und Kühe hüten. Für die Bauern ist er ein Kuriosum. Sie lachen, wenn sie den riesenhaften Jungen bei der Feldarbeit sehen. Die jungen Mädchen wenden sich mit erschrockenen Gesichtern ab. “Frauen hatten immer Angst vor mir”, sagt Bao.
Erst 1970, im Alter von 19 Jahren, untersucht ein Arzt in der Provinzhauptstadt Shenyang den großen jungen Mann. Durch das ärmliche Leben im Freien hatte Bao Rheuma bekommen. Der Arzt schickt ihn zum Militär, wo Bao Spieler in der Basketballmannschaft des Militärbezirks Shenyang wird. “Mein Vorteil war, dass ich ohne zu Springen den Ball in den Korb drücken konnte”, sagt Bao. Doch schon nach drei Jahren muss er wegen des Rheumas seine Sportlaufbahn beenden. Bao kehrt ins Heimatdorf zurück und lebt die nächsten Jahre abgeschieden als Bauer und Hirte.
Wahrscheinlich hätte die Welt nie etwas von dem chinesischen Riesen erfahren, wenn nicht 2004 ein lokaler Restaurantbesitzer der Stadt Chifeng auf Bao aufmerksam geworden wäre. Er überredete Bao, als Türpförtner in seinem Restaurant zu arbeiten. Die Begrüßung der Gäste durch den Riesen wurde zum Markenzeichen des Restaurants. Chinesische Zeitungen berichteten über Bao, er trat im Fernsehen auf. Vergangenes Jahr erklärte das “Guinness-Buch der Rekorde” Bao offiziell zum größten Menschen der Erde.
“Seitdem ist mein Leben leichter geworden”, sagt Bao. Eine örtliche Firma überstütze ihm beim Ausbau seines Hauses - die Deckenhöhe beträgt jetzt 5,90 Meter. Mit Hilfe des Restaurantbesitzers Xin Xing, der mittlerweile sein Manager ist, reiste Bao nach Japan, Großbritannien, Frankreich, Schweden, Brasilien und auch Deutschland.
Den Titel größter Mann der Erde hat Bao jedoch wieder verloren. Im August wurde der Ukrainer Leonid Stadnik zum neuen Rekordhalter gekürt - er ist 2,57 Meter groß. Der 37jährige war nach einem Autounfall als Jugendlicher am Gehirn operiert worden und wächst seitdem unaufhörlich weiter. Dass er nun nur noch der zweitgrößte Mann der Erde ist, mache ihm nichts aus, sagt Bao mit sanfter Stimme. “Mein größtes Glück ist, dass ich nun eine Frau habe.”
Zur Person:
Bao Xishun war bis zum August der größte Mensch der Erde. Der 56Jährige Chinese aus der Inneren Mongolei ist 2,36 Meter groß. Im Gegensatz zu anderen Riesen hat Bao keinen genetischen Defekt und auch keine Gehirnkrankheit. Im Sommer heiratete Bao die 28 Jahre alte Kaufhausabgestellte Xia Shujuan. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Werbung und Auftritten bei Firmen und Veranstaltungen.
Eine Antwort to “Der Riese aus Chifeng”
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[…] erwähnt werde, gehe ich jetzt nicht ein, bis auf einen: Der Pekingblog. Harald Maas schreibt von Riesen und Zwergen und von Mädchen aus Tofufabriken. Geschichten, die nur das Leben schreiben […]