Kreuzritter gegen das System
Jan 1st, 2008 by Harald Maass
In China formiert sich ein christlicher Widerstand: Anwälte, Bürgerrechtler und Umweltschützer wenden sich dem Christentum zu und finden dort Inspiration für ihren Freiheitskampf.
Li Heping hatte in seinem Leben stets Erfolg. Aufgewachsen in einer Bauernfamilie in der Provinz Henan, schaffte er es auf das Gymnasium, studierte Jura und ist heute Partner einer Pekinger Anwaltskanzlei. Doch etwas schien in seinem Leben zu fehlen. Vor vier Jahren nahm ihm ein Freund mit zu einer Bibelstunde. Li, der sich als kritischer Anwalt von Minderheiten und Unterdrückten einen Namen gemacht hat, war fasziniert. “Im Christentum sind alle Menschen gleich, das ist eine Grundlage der Demokratie”, sagt er. Heute ist der 37jährige überzeugter Protestant .
Li empfängt den Besucher in einem gesichtlosen Besprechungszimmer seiner Kanzlei. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, dunkelblaues Hemd. Das Haare akkurat gescheitelt. Einen Regimegegner stellt man sich anders vor. Im Oktober, vor dem Parteitag der Kommunistischen Partei, war Li von Geheimpolizisten verschleppt und verprügelt worden. Die Polizei teilte ihm mit, dass er die Stadt verlassen müsse. “In China werden die Kirchen vom Staat kontrolliert”, sagt Li. Zum Gottesdienst geht er deshalb in eine sogenannte Hauskirche, eine von vielen Tausend Unterkirchen in der Volksrepublik. Seine Frau sei ebenfalls Christin, sagt Li. “Der Glaube hilft mir, die Welt besser zu erkennen.”
Keine andere Religion breitet sich in der Volksrepublik so schnell aus wie das Christentum. Nach Regierungsangaben gibt es fünf Millionen Katholiken und 16 Millionen Protestanten im Land. Weil jedoch die meisten Chinesen in Untergrundkirchen beten, die nicht vom Staat organisiert werden, wird die wirkliche Zahl der Christen auf zwischen 40 und 130 Millionen geschätzt. Bislang war die Religion vor allem beim Landvolk populär. Seit einigen Jahren treten jedoch immer mehr Anwälte, Intellektuelle, Umweltschützer und Bürgerrechtler dem Glauben bei. Die Gottesdienste sind für sie ein Netzwerk, mit dem sie für mehr gesellschaftliche Freiheiten kämpfen. Ein christlicher Widerstand formiert sich.
“Maos Tod 1976 stürzte unser Land in eine spirituelle Krise”, sagt Fan Yafeng vom Rechtsinstitut der Akademie der Sozialwissenschaft. Mit dem Ableben des “Großen Steuermannes” hatte der Kommunismus als Ersatzreligion ausgedient. Die achtziger Jahre brachten Reformen und Öffnung, der Wirtschaftsboom begann. Auf den Universitäten diskutierten die Chinesen über die Zukunft des Kommunismus und Demokratie. Dann kam 1989, die blutige Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens. “Damals wurde uns bewusst, dass der Kommunismus böse ist”, sagt Fan. Viele Intellektuelle begannen sich innerlich von der KP abzuwenden.
Fan ließ sich 1997 evangelisch taufen. Ein Kommilitone hatte ihn in die Untergrundkirche eingeführt. Die Entscheidung für das Christentum habe er ganz rational getroffen. “Wenn man sich die westlichen Länder anschaut: sie sind demokratisch, freiheitlich, achten die Menschenrechte. Aus meiner Sicht liegt das an der Religion”, sagt Fan. Nach 1989 habe es Oppositionsbewegung der geflohenen Dissidenten und Studentenführer gegeben, die vom Exil aus China verändern wollten. “Sie sind gescheitert”, sagt Fan. Chinas Opposition habe keine Führungspersönlichkeiten und kaum Anhänger. Das Christentum könne diese Lücke füllen. Unter den Anwälten, Forschern, Wissenschaftlern und sogar einigen niedrigen Regierungskadern gebe es Christen. “Hauskirchen sind heute die größte NGO - Nichtregierungsorganisation - in China”, sagt Fan.
Solche Sätze sind in der Volksrepublik gefährlich. Das Treffen mit Fan findet in einer Hotellobby im Westen von Peking statt. Er sei mehrmals von der Staatssicherheit festgenommen worden, sagt er. “Ich spreche nur selten darüber.” Andere Juristen hätten wegen ihres Glauben ihre Arbeit an Universitäten und staatlichen Stellen verloren. Fan wirkt kein bisschen verängstigt oder eingeschüchtert. Für ihn ist der Vormarsch des Glaubens nicht aufzuhalten. Die Regierung versuche mit allen Mitteln, die Untergrundkirchen zu kontrollieren, sagt er. “Aber die Gedanken und den Glauben des Einzelnen können sie nicht kontrollieren.” Rund 500.000 Christen gebe es in Peking, schätzt er. “Das spirituelle Bedürfnis, man könnte auch sagen Vakuum, ist enorm.”
In China gibt es eine zwei offizielle evangelische Kirchen: das 1954 gegründete Patriotische Komitee der “Drei-Selbst” (gemeint ist damit die Selbstverwaltung, Selbsterhaltung und Selbstverbreitung) sowie die seit 1980 existierende Chinesische Christliche Vereinigung. Beide Organisationen unterhalten nach Regierungsangaben 50.000 protestantische Kirchen und Gebetshäuser. In 18 evangelischen theologischen Seminaren werden Priester aus- und weitergebildet. Doch ebenso wie die offizielle katholische Organisationen, die Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholiken und der Katholische Bischofsrat, sind diese Kirchen streng vom Staat kontrolliert. Priester und Pastoren dürfen das Machtmonopol der KP nicht anzweifeln. Für Chinas Katholiken ist der Papst - zumindest offiziell - nicht Kirchenoberhaupt. Allerdings kooperiert die staatliche Kirche sein einigen Jahren bei der Ernennung neuer Bischöfe mit dem Vatikan.
Das Verhältnis der Regierung zu Religion ist heute ambivalent. Nach den Wirren der Kulturrevolution, in der Gläubige verfolgt und Kirchen und Tempel zerstört wurden, haben die KP-Mächtigen erkannt, dass Religion ein ausgleichendes und stabilisierendes Element in der Gesellschaft sein kann. Staats- und Parteichef Hu Jintao gab das Ziel einer “harmonische Gesellschaft” als Losung aus. Gleichzeitig fürchten die KP-Führer jedoch die politische Kraft der Religionen, insbesondere des Christentums. Eine Entwicklung wie in der ehemaligen DDR und in Osteuropa, wo die Kirchen zum Sammelbecken der Opposition wurden, soll mit allen Mitteln verhindert werden.
“Der Regierung wäre es lieber, wenn sich der Buddhismus, Taoismus oder Konfuzianismus in China ausbreitet”, sagt Fan. Genau aus dem Grund lehnen viele Intellektuelle die traditionellen Religionen ab. Diese Glaubensrichtungen hätten eine systemerhaltene Komponente, sagt Fan und erzählt von korrupten buddhistischen Mönchen, die von der Regierung gekauft seien. “Rückständig” wirkten die alten Religionen, sagt Anwalt Li. Wie viele Chinesen begeistert ihn der radikale Gleichheitsanspruch und die Betonung der Individualität im Christentum. Die neu konvertierten Gläubigen sehen sich als Elite der gesellschaftlichen Veränderung und das geht nach ihrer Ansicht nur mit einer neuen Religion, einem Heilsversprechen.
“Mein Bewusstsein für Freiheit und Gleichheit ist relativ stark”, sagt der auf Menschenrechtsfälle spezialisierte Anwalt und Christ Li Jinsong. Weil er einen Dissidenten in seiner Heimatprovinz Jiangxi vor Gericht verteidigte und mit dem Fall an die westlichen Medien ging, wurde er vergangenes Jahr brutal zusammengeschlagen. Li trat 1988 als Student einer Untergrundkirche bei. “Durch meinen Glauben bin ich toleranter geworden und versuche alle Menschen zu leiben. Auch meine Feinde.” Derzeit ist Li auf Wohnungssuche. Auf Druck der Behörden hat sein Vermieter ihn auf die Straße gesetzt. “Das ist die Rache der Polizei, weil ich sie verklagt habe”, sagt Li.
Adventssonntag in einer Siedlung für Wanderarbeiter außerhalb der fünften Ringstraße von Peking. Vor den niedrigen Baracken aus Backsteinen türmt sich Müll und Computerschrott, den die Menschen mit Zangen und bloßen Händen ausschlachten. Die einzige Wasserstelle ist ein rostiger Hahn in der Mitte der Gasse. Hier in den Slums der Wanderarbeiter predigt Zhang Mingxuan. Vor zehn Jahren kam er aus der Provinz Henan in die Hauptstadt, elf Mal wurde er in der Zeit verhaftet. “Die Regierung sind Atheisten, sie kennen unsere Religion noch nicht”, sagt er milde.
Weil die Hauskirchen der Intellektuellen jederzeit von der Schließung bedroht sind, und die Anwesenheit eines westlichen Reporters die Teilnehmer in Gefahr bringen könnte, hat man uns zu Pastor Zhang geschickt. Er predigt an diesem Morgen im Schulzimmer der Siedlung. Sechzig Wanderarbeiter, von der Arbeit gebückte Männer, Frauen mit Kindern auf den Schoss, sind gekommen. Weil es keine Heizung gibt, sitzen die Menschen in dicken Mänteln auf kleinen Plastikschemeln. Zwei Neonröhren tauchen die ausgezehrten Gesichter in ein kaltes Licht.
“Warum sind die Länder des Westens so reich?” fragt Zhang in seiner Predigt und stemmt sich mit seinen Oberarmen auf das Lehrerpult. “Weil sie das Christentum haben!”, gibt er sich selbst als Antwort. Warum herrscht in den arabischen Ländern Krieg? “Weil sie nicht an Jesus glauben!” Zhangs Stimme wird immer lauter, unterbrochen von den Amen-Rufen der Gläubigen. “Die KP betrügt das Volk”, sagt Zhang und erzählt von festgenommenen Priestern in der Provinz Henan. “Die Polizisten sind das Böse.” Amen! Als die Kinder im Raum beginnen, unruhig zu werden, verteilt eine Frau Süßigkeiten. Beim abschließenden Vater-Unser-Gebet sind die Gläubigen fast im Trance, der Sprechgesang wird zum Schlachtruf. “Nächste Woche feiern wir gemeinsam Weihnachten”, sagt Pastor Zhang zum Abschluss. Dann kehren die Menschen in ihre Baracken zurück.
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