“Politik ist eine schrecklicke Sache”
Jan 2nd, 2008 by Harald Maass
Die Schauspielerin und Regisseurin Xu Jinglei schreibt im Internet über ihre Katzen und Alltag. Damit wurde sie zur populärsten Bloggerin der Welt. Ein Interview.

Peking Blog: Frau Xu, im Sommer wurde auf ihrem Blog der 100-Millionste Leserbesuch gezählt. Was ist ihr Geheimnis?
Xu: Solche Rekorde sind immer schwer zu beurteilen. Richtig ist: Ich habe in China sicher die meisten Leser. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund für meinen Erfolg, dass ich auf Chinesisch schreibe. Viele Leute, die mich mögen, haben von klein auf meine Filme und Fernsehserien gesehen. Mein Schreibstil ist einfach und leicht verständlich.
Peking Blog: Sind sie stolz darauf, dass so viele Menschen ihr Blog und damit ihr Leben verfolgen?
Xu: Am Anfang wurde natürlich meine Eitelkeit befriedigt. Ich zeige mich nicht so oft in der Öffentlichkeit, deshalb war ich natürlich glücklich, dass so viele Menschen mein Blog lesen. Aber 100 Millionen ist für mich nur eine Zahl. Das Blog zu schreiben ist für mich eine Art Zeitvertreib.
Peking Blog: Wie aufwändig ist das Blog-Schreiben für Sie?
Xu: Ich brauche dafür jeden Tag nur eine halbe Stunde. Ich setzte mich zuhause in mein Arbeitszimmer, schalte das Laptop ein und schreibe meine Gedanken auf. Auf Dienstreisen schreibe ich im Hotel. Meistens blogge ich abends und anschließend lese ich ein Buch oder schaue einen Film. Das Blog ist nur ein kleiner Teil meines Alltag. Den größten Teil meiner Arbeit verbringe ich als Regisseurin und neuerdings auch als Chefredakteurin einer elektronischen Zeitschrift. Das Bloggen läuft nebenbei.
Peking Blog: Ihre Leser schreiben an manchen Tagen 1000 Kommentare. Lesen Sie die alle?
Xu: Wenn ich nicht zu beschäftigt bin, lese ich alle Kommentare. Manche Leute beschimpfen mich, andere mögen mich. Als Schauspielerin bin ich es ja gewohnt, das manche Leute über mich Gerüchte verbreiten oder mich nicht mögen. Ein Leser schrieb einmal, dass er den Eindruck habe, dass ich betrunken sei. Das ist war lustig. Ein anderer hat mir anhand meines Namens und Geburtstages die Zukunft vorausgesagt.
Pekig Blog: Wie sind sie auf die Idee gekommen, ein Blog zu schreiben?
Xu: Das war eher Zufall. Vor zwei Jahren wollte ich einen Film drehen. Aber dann fehlte das Geld dafür. Ich hatte mich ein Jahr auf die Rolle vorbereitet und war dementsprechend enttäuscht. Meine Managerin fragte mich dann, ob ich nicht Lust hätte, auf sina.com (Anmerkung: ein bekanntes chinesisches Webportal) ein Blog zu schreiben. Das habe ich dann gemacht, und es lief von Begann an sehr gut. Nach den ersten zehn Millionen Lesern habe ich ein Buch mit einer Sammlung meiner Blogeinträge gemacht.
Peking Blog: Sie schreiben vor allem über Alltagsdinge, über ihre beiden Katzen und das Fernsehprogramm. Ernste Themen und Politik kommen nicht vor.
Xu: Über Politik schreibe ich fast nie. Ich bin von klein auf so erzogen worden, mich von der Politik fern zu halten und nicht über politische Dinge zu diskutieren. Meine Eltern haben die Kulturrevolution miterlebt, das hat sie geprägt. Politik ist eine schreckliche Sache. Ich bin auch eine zarte Person. Wenn ich in der Zeitung über Katastrophen und Unglücke lese, fühle ich mich, als ob ich zusammenbreche. Deshalb schreibe ich kaum über solche Dinge.
Peking Blog: Im Gegensatz zu anderen bekannten Bloggern in China findet man bei ihnen auch keine Sex- und Klatschgeschichten. Warum?
Xu: Ich folge da meinem Instinkt. Über sehr private Dinge, wenn ich zum Beispiel einen Freund habe, schreibe ich nichts darüber. Vielleicht will er es nicht, dass andere Leute Kommentare über ihn schreiben? Das Blog ist mein eigenes Ding, deshalb schütze ich die Menschen in meinem Umfeld. Auch einige meiner Ansichten erwähne ich im Blog nicht.
Peking Blog: Der Schriftsteller und Rennfahrer Han Han, dessen Blog auch sehr erfolgreich ist, schreibt oft sehr bissig über das Zeitgeschehen in China.
Xu: Ja, Han Han ist ein guter Freund von mir. Sein Blog ist gut. Er ist ein Intellektueller, und Intellektuelle sind in der Öffentlichkeit zornig und immer kritisch. Wir chatten oft über MSN und verspotten uns gegenseitig. Er wirft mir vor, dass ich geschwätzig wie eine alte Frau sei. Das ist natürlich nur Spaß. Ich verspotte ihn, dass schnelles Autofahren sinnlos ist.
Peking Blog: Bringt Ihnen das Bloggen persönlich etwas?
Xu: (Lacht!) Ich bekomme dafür nichts bezahlt, wenn Sie das meinen. Aber für mich selbst ist Bloggen sehr interessant. Es ist ein Tagebuch meines Lebens. Als ich in der Oberschule war, habe ich ein Jahr lang alles in meinem Leben aufgeschrieben. Das habe ich mir zehn Jahre später wieder angeschaut. Es war unglaublich spannend. In dem Tagebuch sah ich ein anderes Ich. Ein Ich, das ich nicht mehr gut kenne. Das beste am Blog ist, dass es wie ein Photoalbum das Leben protokolliert.
Peking Blog: Wie lange wollen Sie ihr Blog noch weiterführen? Bis sie eine Milliarde Leser haben?
Xu: Das weiß ich nicht. Ich bin niemand, der in seinem Leben sehr weit vorausplant. Für mich ist die Gegenwart am wichtigsten. Und bisher macht mir das Blog viel Spaß.
Xu Jinglei gehört zu den bekanntesten Schauspielerinnen Chinas. Berühmt wurde die 33jährige mit Fernsehserien wie “Wir lieben uns bis zum Ende” und “U-Bahn Richtung Frühling”. Seit einigen Jahren arbeitet sie auch als Regisseurin. Einer ihrer Filme, nach der Vorlage von Stefan Zweigs Roman “Brief einer Unbekannten”, wurde beim San Sebastian Filmfest in Spanien ausgezeichnet. Im Oktober 2005 startete Xu Jinglei bei dem Internetportal Sina.com ihr Blog (http://blog.sina.com.cn
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