Gershwin im Reich des Bösen
Feb 26th, 2008 by Harald Maass
Lorin Maatel tritt heute mit seiner New Yorker Philharmonie in Nordkorea auf. Ein Konzert mit politischen Zwischentönen.
In den bald sieben Jahrzehnten seiner Karriere stand Lorin Maazel auf vielen Bühnen. Als Neunjähriger dirigierte das “Wunderkind Maazel” erstmals anläßlich der Weltausstellung in New York. Er war Chefdirigent in London, Wien, Berlin und München. Doch seinen größten Auftritt dürfte er am heutigen Dienstag haben: Mit der New Yorker Philharmonie tritt er in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang auf. Ein Konzert mit diplomatischen Dimensionen.
Nordkorea und die USA sind seit dem Koreakrieg Anfang der 1950er Jahre
faktisch im Kriegszustand und ohne diplomatische Kontakte. US-Präsident
George W. Bush erklärte das Regime des Diktators Kim Jong Il noch zu Beginn seiner Amtszeit zur “Achse des Bösen”. Der Auftritt Maazels und
seiner Musiker wird in Washington mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Aus meiner Sicht ist es eine gute Sache, dass die Philharmonie dorthin fährt”, meinte US-Außenministerin Condoleezza Rice, um hinzuzufügen:
“Aber das nordkoreanische Regime ist immer noch das nordkoreanische Regime.”
Seit Pjöngjang vergangenes Jahr im Atomstreit einlenkte und ein Ende seiner umstrittenen Nuklearprogramme in Aussicht stellte, hofft die
Weltgemeinschaft auf Entspannung auf der koreanischen Halbinsel. Der
Auftritt der Philharmoniker soll ein Schritt in diese Richtung sein, wenn auch ein kleiner. “Ich habe immer gefühlt, dass Musik eine mächtige Sprache ist, mit der die humanen und intelligenten Leute miteinander
sprechen können, trotz politischer und kultureller Grenzen”, sagt Maazel.
Wie groß diese Grenzen noch sind, zeigen die Vorbereitungen zu der 48-stündigen Orchesterreise. Die Einladung der nordkoreanischen UN-Botschaft ließ die New Yorker Philharmonie erst vom US-Außenministerium prüfen. Später reiste eine Delegation nach Nordkorea, um Konzertsäle und Hotelbetten zu prüfen. Bedingung der
Amerikaner war, dass möglichst viele Nordkoreaner in den Genuss des
Konzerts kommen. In Pjöngjang, dessen Bewohner praktisch alle zur Elite
gehören, dürfte das schwierig werden. Immerhin soll das Konzert live im
Fernsehen übertragen werden.
Das Regime bemüht sich, ein guter Gastgeber zu sein. Berichten zufolge
sollen viele antiamerikanische Plakate, die an den Straßen Pjöngjangs
stehen, abgebaut worden sein. Sie zeigen oft nordkoreanische Soldaten,
die ihre US-Gegner mit bloßen Händen blutig schlagen. Das größte
Zugeständnis Pjöngjangs dürfte aber das musikalische Programm sein. Nach
zähem Ringen dürfen nun Werke von Wagner, Dvorak und - zum ersten Mal in der Geschichte Nordkoreas - ein Stück von George Gershwin gespielt
werden. Provokanter kann klassische Musik kaum sein.
2 Antworten to “Gershwin im Reich des Bösen”
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es war ein großartiges konzert. vergesst wagner und dvorjak. aber gershwins “ein amerikaner in paris” war ein geniestreich - bunt, multipolar, jazzig. da wachten selbst die nordkoreanischen funktionäre im publikum auf. und als die new yorker philharmoniker als dritte zugabe den koreanischen folk-tränendrücker “arirang” in der ihr eigenen qualität intonierten - da flossen auch die tränen im east pyongyang theatre. keiner der anwesenden wird das je vergessen. wie kann man böse sein, wenn er/es/sie viel schönheit dargeboten wird - diese frage dürfte sich als treibmine im nordkoreanischen establishment erweisen.
Angeblich umwirbt Nordkorea derzeit Eric Clapton für einen Konzertauftritt in Pjöngyang.
Rupert
http://www.artmaker.eu