Langer Marsch nach Bad Nenndorf
Feb 28th, 2008 by Harald Maass

Ein junger Deutscher wandert von Peking nach Deutschland
An einem Freitag im November betrat Christoph Rehage den Aufzug seines Wohnhauses in Peking, fuhr 21 Stockwerke nach unten und begann zu laufen. Mit federnden Schritten durchmaß er den dichten Autoverkehr, vorbei an Hochhaussiedlungen und Bushaltestellen.
Am ersten Tag hatte der 26 Jahre alte Student und Fotograf die Marco Polo-Brücke am Stadtrand der 17-Millionen-Metropole erreicht. Nach drei Tagen verließ er den Pekinger Amtsbezirk, von dort ging es weiter Richtung Westen in die Provinz Hebei. Mittlerweile ist Rehage drei Monate unterwegs und 1400 Kilometer von Peking entfernt, kurz vor der ehemaligen Kaiserstadt Xian. Doch das ist sozusagen erst die Aufwärmphase. Rehage, der in Peking an der Filmakademie studiert hatte, will in zwei Jahren bis in seine Heimatstadt Bad Nenndorf bei Hannover laufen.
“Mein nächstes Ziel ist Xinjiang und von dort laufe ich weiter nach Kasachstan”, berichtet Rehage am Abend eines langen Tages am Telefon. 18 Länder wird er auf seiner Reise durchqueren, schätzungsweise 15.000 Kilometer zu Fuß zurücklegen. “Bis jetzt laufe ich ja noch durch bewohntes Gebiet, das ist kein Problem. Schwierig wird es später in der Wüste.”
Rehage sieht sich nicht als Abenteurer. “Ich bin nicht Reinhold Messner. Ich laufe einfach nur durch die Gegend. Das ist eigentlich nicht spektakulär”, sagt er. Manchmal sei das Wandern durch Hinterland auch langweilig. “Wenn man drei, vier, acht Stunden an einer Straße mit Kohlelastern entlang läuft, ist das nicht unbedingt spannend.” An anderen Tagen erlebt er Land und Menschen jedoch in einer ungekannten Intensität. Wenn Bauernfamilien entlang des Weges ihn in ihr Zuhause einladen. Wenn er alte Tempelanlagen sieht und zerfallende Industriestädte aus der Mao-Zeit.
“Für die Leute ist es sehr ungewöhnlich, dass ich als Ausländer hier rumlaufe”, erzählt Rehage. Mehrmals hätten Bauern ihm Geld angeboten, damit er sich ein Ticket für den Bus oder den Zug kauft.
Ein Jahr habe er sich auf die Reise vorbereitet, erzählt Rehage. In seinem Rucksack sind ein Zelt, zwei Schlafsäcke, Laptop, Handy sowie ein GPS-Gerät - zusammen wiegt das 25 Kilo. Bei der Streckenwahl - Rehages Reise wird ihn durch Turkmenistan, Iran und Armenien führen - habe er vor allem auf die Sicherheit geachtet. “Ich möchte nicht, dass meine Familie und Geschwister in Deutschland sich noch mehr Sorgen machen.” Zum Wandern trägt er Spezialschuhe mit medizinischen Einlagen - sonst könnten seine Füße durch die Dauerbelastung bleibende Schäden erleiden.
Trotz der guten Ausrüstung ist das tägliche Laufen eine Strapaze. “Am Anfang hatte ich überall Blasen an den Füßen und die Muskeln schmerzten”, berichtet er. Mittlerweile habe sich sein Körper jedoch an das Marschieren gewöhnt. Rund 20 Kilometer legt Rehage derzeit pro Tag zurück. “Das ist noch ein bisschen wenig. Wenn ich in zwei Jahren daheim sein will, sollten es schon 30 Kilometer am Tag sein”, meint er.
Das Geld für seine Reise bekam Rehage durch eine kleine Erbschaft. Viel braucht er unterwegs nicht. Oft isst er in Nudelrestaurants entlang der Straße, abends übernachtet in billigen Absteigen für umgerechnet 1,50 Euro und manchmal im Zelt. Einmal in der Woche leiste er sich jedoch ein gutes Hotel, das kostet dann immerhin 15 Euro, mit eigenem Bad und einer Breitband-Internetverbindung, über die er die Fotos auf sein Blog im Internet runterlädt.
Er wolle mit der Reise nicht berühmt werden, sagt Rehage. Er sei auch kein Aussteiger, wie sein Vater zunächst vermutete, der sich aus der Gesellschaft abmeldet. Nach der Ankunft in Deutschland will Rehage sein Sinologiestudium in München abschließen. “Ich habe einfach das Gefühl, dass diese Wanderung im Moment das richtige ist”, sagt er.
Der Blog von Christoph Rehage: www.thelongestway.com
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