Die “bunten Bilder” des Edison Chen
Mrz 6th, 2008 by Harald Maass
Ein Hongkonger Sexfoto-Skandal sorgt in China für Aufregung. Der Fall zeigt auch einen Wandel der Moralvorstellungen.
Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihren Computer zur Reparatur, und bald darauf erscheinen Ihre privaten erotischen Fotos im Internet. Peinlich, nicht wahr! Nun stellen Sie sich vor, Sie sind ein bekannter Filmstar. Und auf Ihrem Computer sind 1300 Sexfotos gespeichert, darunter kompromittierende Bilder von einem halben Dutzend weiblicher TV- und Musikstars. Nun wissen Sie, wie sich der Hongkonger Schauspielstar und Hip-Hop-Künstler Edison Chen derzeit fühlt.
Seit Ende Januar die Sexfotos des 27-Jährigen und seiner prominenten Gespielinnen im Internet auftauchten, herrscht in der Hongkonger Klatschpresse und in chinesischen Internetformen Ausnahmezustand. Manche Boulevardblätter, die täglich mit neuen Details und Bildausschnitten aufmachen, haben ihre Auflage um ein Drittel gesteigert. Internetserver brachen zusammen, weil Millionen Neugieriger sich die Bilder ansehen wollten. Ein Eintrag unter dem Titel “Ist es wahr oder nicht?” in dem chinesischen Onlineforum Tianya wurde 24 Millionen Mal aufgerufen, 155.000 Internetnutzer schrieben Kommentare.
Das Interesse ist nicht verwunderlich. Hongkong ist das Hollywood Chinas, und dementsprechend berühmt sind die in die Affäre verwickelten Stars. Edison Chen hat als Schauspieler und Werbegesicht von Pepsi Millionen Fans. Einer der weiblichen Stars auf seinen Bildern ist Gillian Chung, die als Teil des Popduos Twin das Image eines Unschuldmädchens pflegt und Werbung für Hongkongs Disneyland macht. Weitere Stars sind die Schauspielerinnen Cecilia Cheung und die Sängerin Bobo Chen, die beide mittlerweile mit anderen Männern liiert sind.
Begonnen hatte alles damit, dass Edison Chen seinen Computer, einen pinkfarbenen Laptop, bei einem örtlichen Computershop zum Reparieren gab. Ein 23 Jahre alter Angestellter entdeckte zufällig die Bilder auf der Festplatte, kopierte sie auf seinen Privatcomputer und führte sie ein paar Tage später bei einem Abendessen Freunden vor, die sie dann ins Internet stellten.
Seitdem schlägt der Sexskandal so große Wellen, dass auch die Hongkonger Polizei aktiv wurde. Offiziell ist Pornografie in Hongkong verboten, auch wenn die Gesetze nur selten durchgesetzt werden. Die Polizei nahm bislang acht Personen fest, die an der Verbreitung der Bilder beteiligt gewesen sein sollen. Medien spekulieren über eine Verwicklung der Triaden in den Skandal. Chinas Filmindustrie ist für ihre Verbindungen zur Mafia bekannt - und die betroffenen Stars sind alle bei derselben Filmfirma unter Vertrag.
Mit großem Interesse verfolgen auch die Chinesen auf dem Festland die Sache. Unter den 210 Millionen Internetnutzern der Volksrepublik ist der Skandal der “bunten Bilder”, wie Pornografie in China genannt wird, seit Wochen das Thema Nummer eins. Während selbst staatliche Webseiten den Zwischenfall mit immer neuen Informationen und Bildern ausschlachten, fürchten besorgte Eltern um die Moral ihrer Kinder.
In der nördlichen Provinz Jilin starteten Behörden eine Anti-Porno-Kampagne. Die Polizei mahnte per Rundbrief Internetnutzer der Region: “Das Berühren, Anschauen, Duplizieren, Speichern, Herunterladen und oder Verbreiten der derzeit populären obszönen/pornografischen Fotografien der Hongkonger Künstler ist illegal!”
Hinter diesen unterschiedlichen Reaktionen - hier Massendownloads der Jugend, dort Verbote der Behörden - steht ein Wandel der Moralvorstellungen. Bis vor einem Jahrzehnt galt Sex als Tabuthema in China. An den Universitäten wachten Ordner darüber, dass junge Paare sich nicht öffentlich küssten. Heute stehen auf den Campus Kondomautomaten und berichten junge Chinesen stolz im Internet über Sex-Erfahrungen.
Für Edison Chen und manche seiner früheren Liebhaberinnen dürfte der Skandal das Ende der Karriere im Showgeschäft bedeuten. Nach einem Auftritt von Gillian Chung vor einigen Tagen mit ihrem Twin-Duo im Fernsehen beschwerten sich mehr als 2300 Hongkonger Bürger.
Edison Chen selbst ist, vermutlich aus Furcht vor Racheaktionen der Familien seiner Freundinnen und vor möglichen juristischen Folgen, seit Beginn des Skandals in Kanada untergetaucht. In einer Videobotschaft entschuldigte er sich bei seinen Fans und bat diese, die Bilder nicht mehr weiter zu verbreiten: “Ich rufe alle auf, die Opfer dieses Falles zu unterstützen. (…) Ich bitte Euch dringend, diese Bilder sofort zu löschen.” Im Internetzeitalter mag ein solcher Aufruf vergebene Mühe sein.
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