Wenn “Made in China” zu teuer wird
Mrz 10th, 2008 by Harald Maass
“Made in China” ist billig? Nicht immer: Weil in manchen Regionen die Produktion zu teuer wird, verlagern Unternehmen ihre Fabriken bereits ins Hinterland und in asiatische Nachbarländer.
Mit monotonen Handbewegungen stecken Frauen bunte Plastikteile ineinander. Die Spielzeugfabrik in einem schmutzig-grauen Betonhaus ist eine von Tausenden Billigfabriken im südchinesischen Shenzhen. 4,5 Yuan verdienen die Wanderarbeiterinnen pro Stunde - rund 42 Cent. Andere Fabriken zahlen nur drei Yuan. Doch für manche Unternehmen sind diese Löhne noch zu hoch. Sie verlagern ihre Produktion nach Vietnam, Indonesien und Bangladesch, wo der Verdienst noch geringer ist.
Lange Zeit war Made in China ein Synonym für Billigproduktion. Das ist es auch heute noch: Ein Großteil der Konsumprodukte in den USA und auch in Europa werden in der Volksrepublik hergestellt. Computer, Bettwäsche, iPods und Designerjeans - es gibt fast nichts, was China nicht exportiert. Durch die Kombination aus niedrigen Löhnen und sehr guter Infrastruktur ist die Volksrepublik für viele Branchen bislang der nahezu konkurrenzlos billige Produktionsstandort.
Doch das ändert sich: Steigende Löhne und Energiekosten, schärfere Umweltauflagen, weniger Steuervorteile und die Stärkung der chinesischen Währung gegenüber dem Dollar sorgen dafür, dass manche Branchen und Firmen sich in anderen asiatischen Ländern nach Produktionsstandorten umsehen und Teile ihrer Produktion verlagern. Textilhersteller drängen nach Indien und Bangladesch. Unternehmen für Autoteile nach Osteuropa und den Mittleren Osten. Technikfirmen wie Chip-Produzent Intel, iPod-Produzent Hon Hai und japanische Markenhersteller wie Canon und Sony bauen Produktionen in Vietnam auf.
Hinter der Verlagerung stehen oft unternehmerische Gründe. Neue Märkte sollen erschlossen und Produktionsrisiken gestreut werden. In vielen Fällen spielen jedoch die Kosten eine wichtige Rolle. US-Spielzeughersteller, die bisher einen Großteil ihrer Produkte in der südchinesischen Provinz Guangdong fertigen lassen, rechnen dieses Jahr mit einem Anstieg der Einkaufspreise um fünf und zehn Prozent. Ähnlich hoch dürften die Steigerungsraten für arbeitsintensive Produkte in der Textil- oder Unterhaltungselektronik sein.
In einer Umfrage der US-Handelskammer in Shanghai erklärten zwei Drittel der befragten Unternehmen, dass die wachsenden Kosten Chinas Wettbewerbsfähigkeit mindern. Im Januar stieg Chinas Inflation auf 7,1 Prozent, der höchste Wert seit elf Jahren. Der wachsende Wohlstand und ein Mangel an Fachpersonal sorgen für jährliche Lohnsteigerungen zwischen zehn bis 15 Prozent. Ein neues Arbeitsgesetz, das seit Anfang des Jahres in Kraft ist, dürfte in den Industriegebieten bei Hongkong und im Jangtse-Delta den Kostendruck weiter erhöhen. “China muss seine Exporte mit neuen Preisen versehen, und die müssen von den internationalen Käufern akzeptiert werden”, sagt der Analyst Andy Xie in Shanghai.
Meist wird die Produktion nun in Hinterlandprovinzen umgesiedelt, wo die Löhne niedriger sind und die lokalen Regierungen sich weniger um Umweltauflagen und Produktionsstandards kümmern. “Für manche Unternehmen mag dies ein schwierige Umbruchsphase sein”, sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking. Die Verlagerung von Industrie und Arbeitsplätzen in die ärmeren Westprovinzen sei für Chinas Entwicklung jedoch von Vorteil, weil dies zu einer gleichmäßigeren Entwicklung führe. Die Gefahr, dass China als Billigproduktionsland nicht mehr konkurrenzfähig sein könnte, sieht Wuttke nicht. Rund 200 Millionen Chinesen in den Hinterlandprovinzen gelten als unterbeschäftigt. Mit diesem Heer an Arbeitern wird China vermutlich noch Jahrzehnte Billigprodukte herstellen können.
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