Der Luftverkäufer
Mrz 17th, 2008 by Harald Maass
Der Pekinger Geschäftsmann Li Jie handelt mit Mondgrundstücken und Luft - nun hat er Ärger mit der Polizei.
Ein Bürohochhaus im Pekinger Norden, dritte Ringstraße, 10. Stock, graue Betonwände. “Botschaft des Mondes” steht auf dem Messingschild an der Tür. Li Jie sitzt hinter seinem Schreibtisch. Er trägt einen etwas zu großen Nadelstreifenanzug. In der Hand hält er eine kleine, schwarzrotgoldene Plastiktüte. “Da ist die Luft von der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland drin”, sagt er. Li Jie handelt mit Luft. Und mit Mondgrundstücken. Deshalb steht der Pekinger Geschäftsmann jetzt vor Gericht.
Begonnen hatte alles im Mai 2006 , als Li Jie im die Sportnachrichten im Fernsehen sah. Der Bericht handelte von einem Deutschen, der die Luft der Fußball-WM in Tüten verkauft. Li Jie war von der Idee sofort begeistert. Über das Internet fand er die Firma Global Network Power, ein kleines Unternehmen in Brandenburg, das während der WM “Stadionluft” als Gag in Tüten vertrieb. Li schickte einen Brief, in dem er eine Zusammenarbeit anbot, und erhielt bald danach ein Päckchen mit 25 Luftproben.
Li hatte große Pläne. “100.000 Lufttüten hätte ich in China verkaufen können”, sagt er. 50 Yuan sollte eine Tüte kosten, umgerechnet fünf Euro. Chinas Fernsehzuschauer sollten die Luft während der Übertragungen schnüffeln, so stellte Li es sich vor. Er verhandelte bereits mit Vertriebspartnern. Pekings Zeitungen berichteten in großen Artikeln über den Luftverkäufer, dessen WM-Luft angeblich nach “deutschem Rasen” roch. Doch dann bekam Li einen Anruf vom Pekinger Verwaltungsamt der Industrie- und Handelskammer. Luft sei in China kein ordentlich registriertes Produkt, erklärten die Beamten. Der Verkauf seiner Tüten sei deshalb verboten. Li erhob Einspruch. Es kam zum Gerichtsverfahren. Die Behörden zogen für die Dauer der Fußball-WM Lis Geschäftslizenz ein.
“Im Grunde hat Karl Marx Schuld”, sagt Li. Der kommunistische Vordenker habe einst geschrieben, dass Luft und Wasser keine handelbaren Güter seien. Und in den Pekinger Amtsstuben halte man sich bis heute daran. Überhaupt seien kreative Geschäftsleute wie er in Volksrepublik benachteiligt. “In zivilisierten Ländern ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist”, sagt Li. In China gehe es genau anders herum: Die Behörden veröffentlichen eine lange Liste mit Gütern und Dienstleistungen, die gehandelt werden dürfen. Und weil Luft nicht auf diesen Listen seht, verstößt Li gegen das Gesetz.
Für Li, der in der Vergangenheit so unterschiedliche Produkte wie Übersetzungscomputer, klappbare Fahrräder und ein Wahrsageprogramm vertrieben hat, ist es nicht der erste Ärger mit den Behörden. Vergangenes erwarb er von einer Organisation in den USA die Vorkaufsrechte für 270.000 Mondgrundstücke und hängte das Schild “Botschaft des Mondes” an seine Tür. 298 Yuan, rund 30 Euro, sollte bei Li ein halber Hektar Mond kosten. Dazu gibt es eine Urkunde. “In Japan ist das Interesse nach Mondgrundstücke sehr groß”, sagt Li. Doch die Behörden machten einen Strich durch seine Rechnung. Der Verkauf von Mondgrundstücken sei ein “Spekulations- und Schiebegeschäft” und damit verboten, erklärte ein Gericht. Polizisten kamen in Lis Wohnung und beschlagnahmten alle Mond-Urkunden.
Auch den Prozess über die WM-Luft hat Li verloren. Die Probetüten mit der Fußball-Luft aus Deutschland verschenkte er an Freunde und Bekannte. Doch aufgeben will er nicht. Das große Geschäft stehe noch bevor, erklärt Li begeistert. “Bei der Olympiade 2008 will ich die Pekinger Luft verkaufen.” Bis dahin will er die Behörden von seiner Sache überzeugt haben. “Pekinger Olympialuft” sei schließlich ein tolles Produkt, das sich weltweit vermarkten ließe. Allerdings könne man die Luft der chinesischen Hauptstadt und seiner 15 Millionen Einwohner nicht einfach wie in Deutschland in Tüten abfüllen, sagt Li. “Wegen der Umweltschmutzung werden wir die Luft vorher filtern.”
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